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Jörg Thomsen – von den Anfängen der FOSSGIS-Szene und 10 Jahren WhereGroup
Jörg ist seit über 10 Jahren bei der WhereGroup beschäftigt, fast so alt wie das Internet und ist seit der Frühphase der Open-Source-GIS in diesem Umfeld aktiv – beruflich und ehrenamtlich. Wir haben unseren Kollegen zu seinem Werdegang befragt. Das Interview ist neben persönlichen Einblicken auch eine Zeitreise von den Anfängen der GIS-Community mit Open Source bis heute, denn Jörg ist seit über 25 Jahren dabei und hat die Szene entscheidend mitgeprägt.
WhereGroup: Deine Schulzeit und Dein Studium sind ja schon ein paar Tage her. Wie kam es, dass Du schon in den 80er Jahren Deine Liebe zu GIS-Software entdeckt hast?
Jörg: Das ist tatsächlich dem lustigen Umstand geschuldet, dass ich bei der Musterung für die Bundeswehr versehentlich ausgemustert wurde. Ich wurde aufgrund eines Knieschadens, den ich nicht hatte, als untauglich eingestuft. Vermutlich eine Verwechslung und ich musste recht schnell entscheiden, was ich anstatt des Zivildienstes mache. Geographie hatte mich in der Schule sehr interessiert und ich dachte, es muss doch mehr dahinterstecken, als der eher lahme Schulunterricht in diesem Fach. Ich habe mich in Berlin (damals noch das ‚echte‘ West-Berlin) eingeschrieben und hatte Glück, denn die Uni Berlin bot Kartografie als Wahlfach an und war auch mit digitaler Kartografie schon sehr weit. Damals hieß das, für eine Karte lange Skripte zu schreiben, und eine Stunde Kaffee trinkend zu warten bis sie durchgelaufen waren, um das Ergebnis auf dem Bildschirm zu sehen. Und wenn man einen Fehler gemacht hatte, fing man nach einer Stunde noch einmal von vorne an. Das war Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre. Die Digitalisierung von Karten fand ich enorm spannend und so habe ich dann auch eine Diplomarbeit zu kartografischen Informationssystemen geschrieben.
WhereGroup: Wie kam es dazu, dass Du schon sehr früh Deine Leidenschaft für GIS mit Open Source entdeckt hast?
Jörg: Ich habe mich nach dem Studium relativ schnell (zusammen mit einer Kommilitonin) selbstständig gemacht und MapMedia gegründet. Wir hatten zunächst von GIS wenig Ahnung, sondern kannten uns vor allem mit Kartografie aus. Eingestiegen sind wir zunächst mit Esri-Software, bis wir eine Kundenanfrage erhalten haben, die mit Esri nicht abzubilden war. Also machten wir uns auf die Suche nach einer Alternative und stießen dabei auf den MapServer. Wir stellten schnell fest, dass der viel stabiler und flexibler war als das, was wir aus der proprietären Welt kannten, und setzten von da an zu 100 % auf Open Source. 2003 hat MapMedia das erste Handbuch zum UMN MapServer herausgebracht.
Ich war rund 18 Jahre selbständig – mehr oder weniger erfolgreich. 2003 hatten wir bereits den ersten Kontakt zur WhereGroup, die 2015 den Geschäftsbetrieb übernahm. Ich war als Geschäftsmann nicht sonderlich begabt. Fachlich war ich immer gut, aber alles, was zur Führung eines Unternehmens auch noch dazu gehört, lag und liegt mir gar nicht. Ich beobachtete die Unternehmensgründungen und den Markt in der Open-Source-Branche mit Sorge. Unter anderem fasste die WhereGroup in Berlin Fuß, sie waren einfach besser aufgestellt, hatten mehr Kunden und mit denen wollte ich mich nicht messen müssen. Nein, Scherz beiseite, ich hatte und habe wirklich Respekt vor der Entwicklung der WhereGroup und bin froh, dass ich 2016 bei der WhereGroup in ein Angestelltenverhältnis wechseln konnte.
WhereGroup: Neben der Software-Entwicklung war MapMedia auch im Schulungsbereich tätig. Waren das die Vorläufer der FOSS Academy?
Jörg: Nicht ganz. Mit den Schulungen haben wir mit MapMedia und auch die anderen Firmen sehr früh begonnen. Die FOSS Academy wurde dann 2009 von der WhereGroup, MapMedia und anderen gegründet. Das war eine Win-Win-Situation für alle. Schulungen fanden damals ausschließlich vor Ort statt. Online-Schulungen gab es noch nicht. Das war für Trainerinnen und Trainer mit viel Aufwand verbunden. Unsere Beteiligung als Unternehmen mit Standort Berlin an der FOSS Academy war da ein riesiger Gewinn für beide Seiten, denn wir konnten Schulungen in Bonn, Berlin und den anderen Standorten deutlich kosteneffizienter abbilden.
WhereGroup: Das ist ja wirklich eine spannende Zeitreise, die Du da schilderst. Dann hast Du die ersten Anfänge von GIS-Software miterlebt und verfolgst die Entwicklungen seit über 25 Jahren.
Jörg: Ja, allerdings. Der ganze Klüngel mit Firmengründungen und -fusionen im GIS-Bereich begann Ende der 90er und viele haben sich schnell dem Open-Source-Gedanken verschrieben. Rückblickend ist es wirklich sehr bemerkenswert, dass mit Open-Source-Software anfangs nur ein Taschengeld verdient wurde und wie sich der Markt inzwischen konsolidiert hat. Wir kennen uns alle schon ewig – auch persönlich – haben uns relativ schnell als Community verstanden und Open-Source-Veranstaltungen zum fachlichen Austausch organisiert. Technisch haben wir wie bereits gesagt mit dem MapServer angefangen, dann kamen nach und nach die weiteren heute zur Best Practice gehörenden FOSSGIS Komponenten hinzu, allen voran PostGIS, dann der Mapbender und diverse andere Tools bis hin zu QGIS. Ja, da kommen locker 25 Jahre Berufserfahrung zusammen.
WhereGroup: Was konkret sind denn jetzt Deine Aufgaben bei der WhereGroup?
Jörg: Ich bin kein Programmierer und kein Entwickler, sondern arbeite als GIS-Consultant in unseren Projekten. Ich betreue diverse Kundenprojekte, darunter viele Support-Kunden. Außerdem gebe ich offene und individuelle Schulungen zu vielen Themen, die mich auch im Beratungs-Alltag beschäftigen – zumeist online. Mit der FOSS Academy bin ich nach wie vor eng verbunden. Ich bin für alles Organisatorische verantwortlich und verstehe mich als Ideengeber. So sind z.B. die Sommer- und die Winterschule sowie die kostenlosen Web-Seminare der FOSS Academy „auf meinem Mist“ gewachsen. Insgesamt macht es mir Spaß, mitzudenken, strategische Weichen zu stellen und Neues auszuprobieren. Ich weiß nicht, wie das Marketing-Team das sieht, aber meiner Ansicht nach war auch für die WhereGroup Shorts das Initial bei mir (Ich wollte gerne mit einem kompakten Online-Veranstaltungsformat an den PostGIS-Day andocken und habe damit ein bisschen rumgenervt. Das ging aus organisatorischen Gründen nicht und schwupp waren die WhereGroup Shorts aus der Taufe gehoben.).
Als kreativer Kopf denke ich gerne nach vorne. Ich genieße es sehr, dass ich bei der WhereGroup auch mal meckern und mitdenken darf. Neue Ideen entwickeln zu können, ohne selbst die wirtschaftlichen Konsequenzen betrachten zu müssen, betrachte ich als großes Privileg. Wenn ich das nicht dürfte und nur Projekte machen könnte, wäre das schon ein bisschen langweilig für mich.
WhereGroup: Neben Deiner beruflichen Laufbahn bist Du auch ehrenamtlich in der Open-Source-Welt zuhause. Was genau tust Du?
Jörg: Ich habe ja schon erzählt, dass sich die Anwender und Programmierer der GIS-Open-Source-Szene sehr schnell als Community zusammengeschlossen und den fachlichen Austausch gesucht haben. Im Juni 2003 habe ich das erste MapServer-Anwendertreffen in unserem Berliner Büro organisiert. Weitere Treffen folgten – schon damals in Kooperation mit dem Geo Consortium, das dann 2007 zur WhereGroup umgewandelt wurde. Die Teilnehmerzahlen dieser Treffen stiegen kontinuierlich an und auf den Konferenzen wurde nicht nur über den MapServer gesprochen, sondern auch über andere freie GIS-Projekte. 2006 haben wir dann die „FOSSGIS-Konferenz“ aus der Taufe gehoben.
Für den organisatorischen Rahmen der Konferenzen fand sich schnell die GRASS-Anwender-Vereinigung e.V. (GAV), es gab da natürlich auch viele personelle Überschneidungen. Weil sowohl ‚GRASS‘ als auch ‚MapServer‘ aufgrund der gewachsenen Themenvielfalt für den Verein und die Konferenz nicht mehr passten, ist der Name FOSSGIS entstanden und wird seitdem sowohl für den Verein als auch die Konferenz verwendet. Auch da habe ich schon mitgemischt und kann mich noch daran erinnern, mitorganisiert und diskutiert zu haben, wie alles heißen soll. Und von 2019 bis Ende 2025 war ich auch im FOSSGIS-Vorstand aktiv.
GRASS war das erste Geoinformationssystem aus den 70ern, das von der US-Armee entwickelt wurde. Seit 1999 ist GRASS unter der GPL veröffentlicht und wird auch heute noch eingesetzt und weiterentwickelt.
https://av.tib.eu/media/12963
WhereGroup: Hast Du noch ein kleines Schmankerl für uns aus deinem Erinnerungstopf zur Bonn-Berlin-Connection von MapMedia und der WhereGroup?
Jörg: Ja gerne (lacht): Wir hatten bei MapMedia einen sehr fähigen Praktikanten (Thorsten Hildebrand), dem ich gerne eine gute berufliche Zukunft bieten wollte. MapMedia ging es damals schon wirtschaftlich nicht gut und wir konnten das nicht aus eigener Kraft stemmen. Ich habe ihn an Peter Stamm (schon damals Geschäftsführer der WhereGroup) vermittelt. Und weil Thorsten als waschechter Berliner die Stadt niemals verlassen hätte, war er dann der erste Berliner Mitarbeiter der WhereGroup und saß in meinem Büro in den Räumen von MapMedia. Das war quasi der Anfang der Niederlassung der WhereGroup in Berlin. Das schöne ist, dass wir uns bis heute ein Büro teilen.
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